Y-Kollektiv
Mein Kommentar dazu:
Die ersten Minuten fand ich schon etwas irritierend, aber ich konnte immer mehr in ihre Welt eintauchen. Sie scheint wirklich an ihre Sache zu glauben und sie argumentiert unter ihren Annahmen schlüssig und radikal im guten Sinn, so z.B. dass die Moral schwarzweiss ist. Für mich stellt sich die Frage, wo man die Grenze zieht. Unser Verhältnis zu Tieren ist ambivalent. Einserseit sind wir Hunde- oder Katzenliebhaber, die oft die Beziehung zu ihnen mehr schätzen als zu den Mitmenschen. Nebst diesen Haustieren halten wir Nutztiere wie Kühe, Schweine und Hühner. Gegen Fliegen nutzen wir die Klatsche, Ameisen bringen wir in Massen um, wenn sie uns zu nahe kommen. Vor Spinnen und Schlangen ekeln sich viele. Ich z.B. mag Spinnen und verdränge sie allenfalls aus meinem Umfeld, aber töte sie nicht. Massentierhaltung wollen die meisten nicht sehen, denn sie wollen billiges Fleisch und ihre Frühstückseier und die Milch zum Kaffee und dies natürlich möglichst billig, was nur unter diesen Umständen geht.
Süss war natürlich der Vorschlag der Autorin, den Begriff Holocaust zu vermeiden. Nein, aus der Sicht von Raffaela kann man es durchaus so bezeichnen wie auch die Situation in Gaza, das berühmte Freiluftgefängnis, das dann, nachdem man alle dort vertrieben oder eliminiert hat, zu einer Riviera des Ostens ausbauen kann und man dann wieder richtig Geld machen kann.
Militant vegan darf man also sein, solange man nicht rächts ist. Rächts sein geht natürlich gar nicht. Oder noch schlimmer: die Herrschaft hinterfragen.
Wir Menschen sind eben auch nicht frei, sondern werden als Steuersklaven gehalten, die zwar dem Anschein nach frei gehalten werden, aber am Ende des Tages auch nichts anderes als Nutzmenschen für die Herrscherklasse sind. Bezüglich Herrschaft bin ich genau so radikal wie Raffaela. Die moralische Begründung dazu ist folgende: Da ich kein Recht habe, den Nachbarn zu bestehlen, um meinen Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen, kann ich dieses Recht auch nicht mittels Wahlen und anderen Ritualen an einen Staat übertragen.
Am Ende des Tages muss jeder für sich diese Widersprüche auflösen und sich Richtung Widerspruchsfreiheit bewegen. Ich unterstütze Leute, die wie Raffaela argumentieren, aber bewahre uns Gott davor, dass sie «an die Macht» kommen, sie müssen die Mitmenschen überzeugen – was ja durchaus geht – und niemanden zu etwas zwingen. Ich will niemanden zu etwas zwingen, allensfalls dazu, sich dem Zwang zu verweigern.
Das ganze ist ein weites Feld und bietet noch viel Stoff zum Weiterdenken, jedoch setze ich vorerst den Menschen in den Mittelpunkt und möchte zuerst ihn befreien. Vielleicht befreit er dann auch seine übrigen Mitbewohner ausserhalb des Menschseins.
