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Hans-Hermann Hoppe: „Der Staat ist der größte Parasit der Geschichte“

Hans-Hermann Hoppe schätze ich seit Langem, und seit mehr als einem Jahrzehnt verfolge ich sein Werk mit großer Aufmerksamkeit. Für mich gehört er zu den kompromisslosesten, intellektuell mutigsten und gedanklich stringentesten Vertretern der österreichischen Tradition. Vor einigen Tagen stieß ich auf ein ausführliches Gespräch mit ihm im portugiesischen Podcast CdK. In einer Zeit, in der sich die westlichen Gesellschaften immer tiefer in einem Kreislauf aus Verschuldung, demografischem Niedergang, geopolitischer Überdehnung und institutionellem Verfall zu verfangen scheinen, wirkten seine Ausführungen nicht nur aktuell, sondern geradezu dringlich. Im Folgenden möchte ich jene Gedanken herausgreifen, die mir mit Blick auf die Herausforderungen unserer Zeit besonders bedeutsam erscheinen.

Hoppes eigener intellektueller Weg führte ihn vom marxistischen Milieu der westdeutschen 1960er-Jahre bis hin zum radikalen Anarchokapitalismus. Prägend waren dabei insbesondere seine Besuche in der DDR, bei denen er das Scheitern des Sozialismus unmittelbar vor Augen geführt bekam. Wo private Eigentumsrechte fehlten, zeigte sich der Verfall überall im täglichen Leben der Menschen, die diesem System ausgeliefert waren: vernachlässigte Häuser, marode Infrastruktur, chronischer Mangel, bittere Armut für die Vielen und Privilegien für die Wenigen. Hinzu kam eine wirtschaftliche Dysfunktion auf praktisch allen Ebenen, gegen die auch noch so viel zentrale Planung nichts auszurichten vermochte. Diese frühe Ernüchterung führte Hoppe zunächst zu Friedman und Hayek, dann zu Mises und schließlich zu Rothbard, der sein Mentor wurde.

Im Laufe dieser Entwicklung verwarf Hoppe auch die letzten Zugeständnisse an den Staat. Selbst der Minarchismus – also die Vorstellung eines „Minimalstaates“, dessen einzige Aufgabe darin besteht, Menschen vor Gewalt, Diebstahl, Betrug und Vertragsbruch zu schützen – erwies sich für ihn letztlich als instabile Zwischenlösung. Denn ein „bisschen“ Staatsmacht zu haben, ist seiner Ansicht nach ungefähr so realistisch, wie ein bisschen Heroin zu nehmen. Natürlich kann man mit einer kleinen Dosis beginnen. Doch in beiden Fällen, so die Pointe, dürfte man am Ende erheblich mehr davon bekommen, als man ursprünglich vorgesehen hatte – mit einem entsprechend vorhersehbaren Ausgang.

Für das heutige Europa ergeben sich daraus unmittelbare politische Konsequenzen. Hoppe nennt Liechtenstein als das gegenwärtig wohl beste Beispiel für eine Ordnung, die seinem Ideal zumindest nahekommt: ein winziges Gemeinwesen, dessen Fürst seinen Lebensunterhalt weitgehend aus eigenen Mitteln bestreitet, dessen Gemeinden formal das Recht besitzen, sich abzuspalten, und dessen geringe Größe schon für sich genommen disziplinierend auf die politische Führung wirkt. Man stelle sich, so Hoppes Gedanke, ein Europa aus tausend Liechtensteins vor – anstelle jener unerbittlichen, erzwungenen und unnatürlichen Vereinheitlichung, die von Brüssel betrieben wird. Der Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Rechtsordnungen würde Steuern und Regulierung sehr viel wirksamer begrenzen als jedes noch so wohlformulierte Verfassungsdokument. Auch das Schweizer Kantonssystem liefert dafür ein anschauliches Beispiel: Der Wettbewerb zwischen den Kantonen und die Möglichkeit der Bürger, notfalls „mit den Füßen abzustimmen“, setzen staatlicher Macht und Besteuerung Grenzen.

Natürlich macht das die Schweiz noch lange nicht zum Himmel auf Erden. Wie ich selbst immer wieder gewarnt habe und wie auch Hoppe in diesem Gespräch betont, schreitet die Zentralisierung selbst hier voran – vielleicht langsamer als anderswo, aber dennoch stetig. Auf Bundesebene setzen sich manche Politiker aktiv für eine engere Anbindung an die EU oder sogar für einen Beitritt ein. Nicht, so die These, weil dies den gewöhnlichen Bürgern zugutekäme, sondern weil es ihren eigenen Interessen dient. Die Anreize steuerfinanzierter Politiker weisen, wie Hoppe argumentiert, naturgemäß in Richtung Zentralisierung und damit zur stetigen Ausweitung genau jenes Apparats, von dem sie selbst leben.

Nirgends tritt der parasitäre Charakter des modernen Staates für Hoppe deutlicher zutage als in der Geld- und Finanzpolitik. Die Möglichkeit, Geld zu schaffen, ist für Regierungen der sicherste Weg, sich „Freunde zu machen“. Sozialstaatliche Reformen und Umverteilungsprogramme beschreibt er als regelrechte Schneeballsysteme, deren Funktionsfähigkeit dauerhaftes Bevölkerungswachstum und steigende Produktivität voraussetzt. Brechen die Geburtenraten ein und altert die einheimische Bevölkerung, geht diese Rechnung irgendwann nicht mehr auf. Masseneinwanderung wird dann als technokratische Lösung präsentiert. Doch sie kann, so das Argument, das kulturelle und soziale Kapital nicht ersetzen, auf dem eine produktive Gesellschaft mit hohem gegenseitigem Vertrauen beruht.

Die Rechnung wird stattdessen an kommende Generationen weitergereicht – an Menschen, die den Schulden, die sie eines Tages bedienen sollen, niemals zugestimmt haben. Keynesianische Rezepte, die Konsum und Defizitfinanzierung befürworten, beschleunigen diesen Prozess nur noch. Gleichzeitig bringen die Universitäten immer neue Generationen von Absolventen hervor, denen, so die Kritik, das ökonomische Verständnis fehlt, um diese Vorstellungen grundsätzlich infrage zu stellen. Der Kreislauf setzt sich fort, bis irgendwann kein Wohlstand mehr vorhanden ist, der abgeschöpft und umverteilt werden könnte.

Auch in geopolitischen Fragen argumentiert Hoppe ohne große Rücksicht auf politische Konventionen. Die Vereinigten Staaten unterhalten weltweit rund achthundert Militärstützpunkte und haben immer wieder in Konflikte eingegriffen, die mit unmittelbarer Selbstverteidigung nur wenig zu tun haben. Dieses Verhalten ist inzwischen derart normal geworden, dass kaum noch auffällt, wie außergewöhnlich es im historischen und internationalen Vergleich eigentlich ist. Ein Blick auf jüngste Ereignisse genügt, um zu erkennen, wie weit sich die Grenzen dessen verschoben haben, was mittlerweile als hinnehmbar gilt. Die weltweite Reaktion auf den Einmarsch der USA in Venezuela und die Entführung des dortigen Staatschefs etwa fiel auf geradezu surreale Weise verhalten aus. Ähnliches gilt für die Bombardierung einer Schule im Iran, bei der mehr als hundert Kinder unter zwölf Jahren ums Leben kamen, sowie für den daraus entstandenen Krieg, der seit über sechs Monaten andauert, Tausende weitere Menschenleben gefordert und zugleich gravierende Folgen für die weltweite Energieversorgung gehabt hat.

Hoppe veranschaulicht den dahinterstehenden doppelten Maßstab mit einem einfachen Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, irgendein anderes Land würde sich so verhalten wie die Vereinigten Staaten – und frage sich, welche Reaktionen dies hervorrufen würde. Was wäre, wenn europäische Staaten überall auf amerikanischem Boden Militärstützpunkte unterhielten? Wie würde Washington reagieren, wenn China Raketen in Mexiko stationierte? Dieselbe Logik, mit der man ein solches Vorgehen verurteilen würde, müsste, so Hoppe, auch auf die Osterweiterung der NATO und den langwierigen Stellvertreterkrieg in der Ukraine angewandt werden.

Auch den dauerhaften militärischen Verpflichtungen im Nahen Osten begegnet er mit großer Skepsis. Zugleich hat der technologische Wandel die Bedingungen der Kriegsführung grundlegend verändert. Drohnen und Präzisionswaffen haben viele der traditionellen Vorteile großer konventioneller Streitkräfte geschmälert. Dennoch bereiten sich westliche Regierungen weiterhin auf Formen des Krieges vor, die zunehmend der Vergangenheit angehören – bis hin zur möglichen Wiedereinführung der Wehrpflicht.

Vor diesem Hintergrund aus Krieg, fiskalischer Ausplünderung, demografischem Ungleichgewicht und imperialer Überdehnung kehrt Hoppe schließlich zu einem seiner grundlegenden Themen zurück: solidem Geld. Gold ist für ihn echtes Geld – Geld, dessen Menge politische Entscheidungsträger nicht nach Belieben ausweiten können. Damit eröffnet es wieder die Möglichkeit echten Sparens, nachhaltiger Kapitalbildung und größerer Unabhängigkeit vom Staat und seinen parasitären Institutionen. Es erlaubt den Menschen, sich sowohl dem erzwungenen Konsumkreislauf als auch jener Spekulation zu entziehen, die durch dauerhaft negative Realzinsen begünstigt wird. Und es bietet einen Ausweg aus den fortschreitenden Angriffen auf die individuelle finanzielle Souveränität sowie aus den vorhersehbaren Versuchen des Staates, die letzten verbliebenen Fluchtwege zu versperren.

Am Ende läuft Hoppes Diagnose auf einen ebenso einfachen wie radikalen Satz hinaus: Der Staat ist der größte Parasit der Geschichte.

Politiker und die von ihnen begünstigten Gruppen leben davon, den produktiven Teilen der Gesellschaft Ressourcen zu entziehen. Die Demokratie beseitigt dieses Problem nicht; sie erweitert lediglich den Kreis derjenigen, die Anspruch auf einen Teil der Beute erheben können. An die Stelle eines einzelnen Monarchen sind viele kleinere getreten.

Die Alternative besteht für Hoppe deshalb nicht darin, bessere Herrscher zu finden. Sie besteht darin, das Monopol des Staates selbst schrittweise zurückzudrängen: durch Sezession, durch Wettbewerb zwischen politischen Ordnungen und durch die Wiederherstellung und Stärkung privaten Eigentums in allen Bereichen.

 

Claudio Grass, Hünenberg See, Switzerland. www.claudiograss.ch

Quelle in Englisch: https://claudiograss.ch/2026/09/hans-hermann-hoppe-the-state-is-the-greatest-parasite-in-history/

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